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Gutes Spiel noch besser?

Von Tim Othold

Fluchende Hauptcharaktere, Sarkasmus, Sex. Das sind nicht unbedingt Elemente, die man von den sonst so reinen Fantasy-Welten gewohnt ist. Doch in der Welt vom polnischen Autor Andrzej Sapkowski sind sie ebenso haufig wie Elfen und Zwerge. Und „The Witcher“ bringt diese Welt aus den Büchern heraus auf den heimischen PC. Das Rollenspiel erschien zwar bereits 2007, doch die Programmierer und Designer der ebenfalls polnischen Firma CDProjekt Red mögen ihr Werk offenbar so sehr, dass sie nicht einmal nach dem Release aufhören konnten daran zu arbeiten. Deshalb ist Anfang Oktober „The Witcher“ in der Enhanced Edition erschienen. Bei einer langen Liste von Verbesserungen und Extra-Features, und der Möglichkeit, dass einigen das Spiel noch unbekannt ist, war uns das einen extra-langen Test wert.


Tolkien mit Twist

„The Witcher“ spielt im selben „Europa im Mittelalter bloß mit Magie und Zwergen“-Setting, das für Fantasy so unerlässlich scheint, wie Wandschmierereien auf einer öffentlichen Toilette. Doch mit den Zwergen (und naturlich auch Elfen) enden schon die Gemeinsamkeiten mit klischeehaften Fantasywelten. Temerien, das Königreich in dem unser Hauptcharakter seine Runden dreht, ist nicht sauber, sondern dreckig. Nicht nur fantastisch, sondern auch realistisch. Die Charaktere dieser Welt haben glaubwürdige und nicht immer nette Motivationen, und statt mehrminütigen elfischen Reden ist „Hallo“ das Wort der Wahl bei einer Begrüßung. Kurz gesagt: „The Witcher“ ist moderne Fantasy für Erwachsene.

Zu einem Helden in diesem Setting passt natürlich keine altbackene Hintergrundgeschichte, wie sie sonst so gerne verwendet wird: Der Protagonist lebt zusammen mit seinem etwas distanzierten Stiefvater in einem friedlichen, kleinen Dorf weitab von allen wichtigen Ereignissen, bis eines Tages das Dorf überfallen wird und sich in kryptischen Offenbarungen herausstellt, dass der Protagonist auserwählt / verflucht / Erbe eines gerade verstorbenen Königs ist und nun das Land/die Welt/die Prinzessin retten muss (*hust* „Neverwinter Nights 2“). Gähn.

The Witcher Enhanced Edition

Geralt.
Kein Kommentar nötig.

Nein, „The Witcher“ ist anders. Der Hauptcharakter in diesem Spiel heißt Geralt von Riva und ist Hexer. Hexer sind aber nicht einfach Y-Chromosom geprägte Hexen, sondern genetisch veränderte, weißhaarige, zauberfähige Krieger, die als professionelle Monsterjäger durch die Lande ziehen. Und Geralt ist kein unwichtiger Frischling, sondern berühmt. Denn um die Figur von Geralt drehten sich schon sieben Bücher von Andrzej Sapkowski. Und obwohl Geralt am Ende der Geschichten gestorben oder zumindest verschwunden ist und für tot gehalten wird, taucht er plötzlich in der Wildnis nahe Kaer Morhen, Burg und Hauptquartier der Hexer, auf, mit großem Gedächtnisschwund und noch größerer Verwunderung bei seinen Kollegen. Kurz darauf greifen ein mysteriöser Magier und seine Handlanger die Burg an und stehlen die alchemistischen Geheimrezepte der Hexer. Die Suche nach Hinweisen und das Zurückerobern der Rezepte stellen das Hauptquest des Spiels dar, zusammen mit Geralts Suche nach sich selbst. Denn als ob es nicht bereits genug Probleme gäbe, hat Geralt noch einige persönliche Schwierigkeiten. Anders als die restlichen Hexer ist er viel mitfühlender, hat mehr Empathie für „normale“ Menschen und versucht gerade deshalb bei wichtigen Ereignissen möglichst neutral zu bleiben. Ob diese Einstellung durchgehalten wird oder sich ändert, liegt völlig am Spieler, zusammen mit vielen anderen, durchaus einflussreichen Entscheidungen. Doch dazu später.


Aurora? - Grafik und Sound

The Witcher Enhanced Edition

Auch betrunken behält Geralt seinen unverkennbaren Charme.

Unglaublich aber war: Die Grafik von „The Witcher“ basiert auf der BioWare Aurora Engine, die auch die Grafik in „Neverwinter Nights“ zu verantworten hat. Laut Aussage der Entwickler wurde die Engine aber zu mindestens 90% überarbeitet und wer sich Screenshots oder Videos von „The Witcher“ anschaut, kann das nur bestätigen. Die Grafik ist kurz gesagt sehr gut. Natürlich können die grünen Auen und matschigen Sümpfe Temeriens nicht mit dem grafisch opulenten (und sonst eher schwachen) „Crysis Warhead“ mithalten, aber im Vergleich zu anderen aktuellen RPGs ist die Grafik immernoch gut, atmosphärisch und vor allem überzeugend.
Ob man zum Beispiel in der Hauptstadt Vizima durch eine Gasse schleicht, die nächstbeste Taverne besucht oder die Abwasserkanäle von zu groß geratenem Ungeziefer säubert, immer sehen die Orte glaubwürdig aus und passen zur restlichen Welt und dem gesamten, realistisch-schmutzigen Setting. Bei Dialogszenen zoomt die Kameraperspektive auf die Gesichter der Personen. In der Originalversion des Spiels hatten die Gesprächspartner zwar allesamt hübsche Gesichtsanimationen, standen aber so regungslos und erstarrt da wie ein Reh, das nachts unerwartete Bekanntschaft mit einem Scheinwerferpaar und dem dazugehörigen Auto macht. In der Enhanced Edition wurde dieser störende Punkt aber behoben und alle NPCs haben nun mehrere Dialoganimationen zur Verfügung, die passend zum Gesagten abgespielt werden.

Apropos Dialog. Sprache ist bei „The Witcher“ vollkommen vertont. Wichtige Charaktere, Geralt selbst und jeder noch so kleine NPC haben eigene Stimmen und Dialekte. An der alten Version wurde von einigen Kennern oft bemängelt, dass in den nicht-polnischen Versionen viele Dialogzeilen geschnitten oder verändert wurden. Deshalb wurden für die Enhanced Edition tausende Zeilen der englischen Version geändert, sowie neu eingesprochen und die deutsche Version komplett neu vertont - und hört sich jetzt für eine deutsche Synchronistation überraschend gut an.
Die Soundeffekte des Spiels folgen auch der Glaubwürdigkeits-Maxime. Wenn ein Angreifer ein Kettenhemd statt Lederpanzer trägt, dann ist das nicht nur sicht-, sondern auch hörbar.
Musikalisch kommt „The Witcher“ nicht ganz so gut daher, wie grafisch. Die einzelnen Stücke sind schön anzuhören und bringen das Flair der unterschiedlichen Gegenden gut rüber. In Kneipen trällert einem eine fröhlich keltisch-angehauchte Fidel in die Ohren und in feuchten Höhlen tropft die Musik ebenso wie die glitschigen Wände. Da man aber einige Regionen recht oft besuchen wird und einen jedes einzelne Mal dasselbe Lied willkommen heißt, wirken einige Musikstücke leider recht schnell öde.

The Witcher Enhanced Edition

Einfach schön.
 

Positiv fallen viele kleine Details auf, die alle die Welt lebendiger gestalten. In der Enhanced Edition haben alle unwichten Figuren zufällige Kleidung und Frisuren, man trifft also auf keine Ansammlung von Zwillingen mehr. Die gesamte Welt ist einem fließenden Tag- und Nachtwechsel unterworfen. Und diese Änderung ist nicht nur kosmetisch. Während ein Quest-NPC tagsüber noch auf dem Feld anzutreffen war, sitzt er abends eventuell im örtlichen Wirtshaus und ist so betrunken, dass die Questbelohnung wohl bis zum nächsten Tag warten muss. Auch kommen bestimmte Monster, speziell Untote, nur nachts aus ihrem Versteck. Außerdem bedeutet Nacht in „The Witcher“ wirklich Nacht (!). Die gewohnte Filmdunkelheit, bei der auch Höhlen, die seit Jahrzehnten keine Kerze mehr gesehen haben, wunderbar zu erkennen sind und gerade mal einen netten Blaufilter vorweisen können, existiert in diesem Spiel nicht. Wenn Geralt wieder einmal nachts umherstreift und kein Mond scheint, oder Katakomben ohne Lichtquellen betreten werden, dann sieht auch der Spieler seines alter Egos nicht mehr. Abhilfe schaffen hier nur unpraktische Fackeln oder ein Elixier, das Nachtsicht verleiht.

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The Witcher Enhanced Edition
USKKeine Jugendfreigabe Preis48,95 € (bei Amazon kaufen) PublisherAtari EntwicklerCD Projekt

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